Oktober – hinter der rosa Schleife: Was wir über Prävention, Früherkennung und den Kampf gegen Brustkrebs wissen sollten
Dr. Svjetlana Mohrmann: „Die Diagnose ist nicht das Ende Ihrer Lebensgeschichte. Lassen Sie sich nicht von dem Wort ‚Krebs‘ definieren.“
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| Dr. Svjetlana Mohrmann |
Von Mimika Tosiou
Jedes Jahr im Oktober färbt sich die Welt rosa. Die rosa Schleife wird weltweit zum Symbol für Aufklärung und Sensibilisierung rund um Brustkrebs – eine Erkrankung, die noch immer Ängste auslöst, der die moderne Medizin heute jedoch mit weitaus mehr und gezielteren Möglichkeiten begegnen kann als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Hinter Kampagnen, Symbolen und Statistiken steht jedoch immer eine Frau.
Eine Frau, die ihre Vorsorgeuntersuchung aufschiebt, weil im Alltag die Zeit fehlt. Eine Frau, die eine Veränderung an ihrer Brust ertastet und aus Angst zögert, zum Arzt zu gehen. Eine junge Frau, die glaubt, sie sei „zu jung“, als dass Brustkrebs sie betreffen könnte. Eine Frau, die noch Mutter werden möchte. Oder eine Frau, die gerade das Wort „Krebs“ gehört hat – und innerhalb weniger Sekunden das Gefühl bekommt, ihr gesamtes Leben habe sich verändert.
Anlässlich des Oktobers, des internationalen Monats der Aufklärung und Sensibilisierung für Brustkrebs, sprach Mimika Tosiou mit Dr. med. Svjetlana Mohrmann, Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Koordinatorin des Brustzentrums am Universitätsklinikum Düsseldorf.
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| Mimika Tosiou |
Durch alle Antworten zieht sich dabei eine zentrale Botschaft: Die Frau darf nicht hinter ihrer Diagnose verschwinden.
Der Blick auf den Alltag: Mehr als nur ein Symbol im Oktober
Mimika Tosiou: Der Oktober steht weltweit im Zeichen der Aufklärung über Brustkrebs. Doch jenseits der rosa Schleife und der zahlreichen Kampagnen: Welche Botschaft sollte jede Frau aus diesem Monat mit in ihren Alltag nehmen?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Ich glaube, die wichtigste Botschaft ist, dass die Sorge um unsere Brustgesundheit nichts sein sollte, worüber wir nur im Oktober nachdenken. Der Oktober ist wichtig, weil er uns die Möglichkeit gibt, das Thema stärker in den Mittelpunkt zu rücken, Frauen an Vorsorgeuntersuchungen zu erinnern und die Angst zu verringern, die nach wie vor sehr stark mit dem Wort „Krebs“ verbunden ist. Ein bewusster Umgang mit unserem Körper und unserer Gesundheit sollte jedoch Teil unseres Alltags sein.
Wenn ich sage, dass der Kampf gegen Brustkrebs im Alltag beginnen sollte, meine ich damit nicht, dass Frauen jeden Tag an eine mögliche Erkrankung denken oder in ständiger Angst davor leben sollen. Ganz im Gegenteil. Mir geht es um einen bewussten Umgang mit dem eigenen Körper: Eine Frau sollte ihren Körper kennen, wissen, wie ihre Brust normalerweise aussieht und sich anfühlt, und dadurch Veränderungen wahrnehmen können.
Frauen übernehmen heute sehr viele Rollen. Sie sind Mütter, Ehefrauen, Partnerinnen, Töchter und Berufstätige. Häufig kümmern sie sich um ihre Kinder, ihre Eltern und die gesamte Familie. In diesem Alltag geschieht es sehr schnell, dass die eigenen Bedürfnisse an die letzte Stelle rücken. Deshalb möchte ich ganz bewusst diese Botschaft vermitteln:
„Sich um den eigenen Körper zu kümmern, ist kein Egoismus. Es ist Verantwortung.“
In meinem klinischen Alltag erlebe ich häufig eine interessante Situation: Eine Frau hat über Monate oder sogar Jahre kaum Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und plötzlich, im Urlaub, an Feiertagen oder in einer anderen Phase, in der das Leben etwas ruhiger wird und sie endlich Zeit für sich selbst findet, bemerkt sie eine Veränderung an ihrer Brust. Sie ertastet etwas, das ihr vorher nicht aufgefallen ist, oder nimmt eine Veränderung wahr, die möglicherweise bereits längere Zeit bestanden hat.
Eine Frau muss keine Ärztin sein, um ihren eigenen Körper zu kennen. Sie muss auch keine Diagnose stellen können. Es reicht, wahrzunehmen, dass etwas anders ist als sonst, und deshalb ärztlichen Rat einzuholen.
Natürlich ersetzt die Selbstbeobachtung weder die ärztliche Untersuchung noch die empfohlenen Programme zur Früherkennung. Wenn eine Frau einen neuen Knoten, eine Veränderung der Größe oder Form der Brust, eine Einziehung der Haut oder der Brustwarze, ungewöhnlichen Ausfluss aus der Brustwarze, Hautveränderungen oder eine andere für sie ungewöhnliche Veränderung bemerkt, sollte sie dies ärztlich abklären lassen. Man sollte nicht warten, bis eine Veränderung Schmerzen verursacht. Brustkrebs verursacht gerade in frühen Stadien häufig keine Schmerzen.Deshalb wünsche ich mir, dass die rosa Schleife nicht nur das Symbol eines einzigen Monats im Jahr bleibt. Sie sollte uns dauerhaft an einen bewussten Umgang mit uns selbst erinnern: Kennen Sie Ihren Körper, nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und schieben Sie eine Untersuchung nicht auf, wenn Sie eine Veränderung bemerken.
Früherkennung: Chancen nutzen und Verantwortung übernehmen
Mimika Tosiou: „Früherkennung kann Leben retten“ – ein Satz, den wir häufig hören. Was bedeutet er konkret? Was sollten Frauen über Vorsorge und Früherkennung wissen – und welche Veränderungen ihres Körpers sollten sie keinesfalls ignorieren?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Die Früherkennung ist einer der entscheidenden Faktoren für eine erfolgreiche Behandlung von Brustkrebs. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto größer sind in der Regel die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie – und desto weniger umfangreich muss die Behandlung möglicherweise sein.
In Deutschland gibt es ein organisiertes Mammographie-Screening-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs. Die Einführung solcher Programme basiert unter anderem auf langjährigen Erfahrungen anderer europäischer Länder wie den Niederlanden und den skandinavischen Ländern. Die Altersgrenzen des Programms wurden im Laufe der Jahre angepasst und erweitert. Während es ursprünglich Frauen zwischen 50 und 69 Jahren umfasste, wurde die Teilnahme inzwischen bis zum Alter von 75 Jahren erweitert. Eine weitere Ausweitung auf jüngere Altersgruppen wird ebenfalls erwartet.
Wird Brustkrebs in einem frühen Stadium diagnostiziert, verfügen wir häufig über sehr gute therapeutische Möglichkeiten und in vielen Fällen über sehr gute Chancen auf vollständige Heilung. Genau das ist unser Ziel: Wir möchten nicht warten, bis die Erkrankung fortgeschritten und die Behandlung schwieriger geworden ist. Wir möchten sie so früh wie möglich erkennen, um rechtzeitig handeln zu können.
Leider begegne ich in meinem beruflichen Alltag immer wieder Frauen, die über Jahre hinweg keine Vorsorgeuntersuchung wahrgenommen haben. Manche hatten keinerlei Beschwerden und glaubten deshalb, es gebe keinen Grund, einen Arzt aufzusuchen. Andere hatten Angst davor, dass bei der Untersuchung etwas entdeckt werden könnte. Und wieder andere haben schlicht keine Zeit dafür gefunden. Doch genau darin liegt der Sinn von Vorsorge und Früherkennung: eine Erkrankung oder Veränderung möglichst zu erkennen, bevor sie ernsthafte Beschwerden verursacht.
Wichtig ist dabei zu betonen, dass nicht jede Veränderung automatisch Brustkrebs bedeutet. Viele Veränderungen der Brust sind gutartig. Problematisch wird es, wenn eine Frau selbst entscheidet, eine Veränderung müsse harmlos sein, und deshalb monatelang keinen Arzt aufsucht. Meine Botschaft ist deshalb sehr einfach:
„Wenn Sie etwas Neues oder Ungewöhnliches bemerken, stellen Sie nicht selbst die Diagnose – lassen Sie es ärztlich abklären. Vorsorge ist kein Ausdruck von Angst. Sie ist Ausdruck von Verantwortung für die eigene Gesundheit.“
Brustkrebs bei jüngeren Frauen und genetische Faktoren
Mimika Tosiou: Brustkrebs wird noch immer vor allem mit Frauen höheren Alters in Verbindung gebracht. Gleichzeitig rückt die Erkrankung bei jüngeren Frauen zunehmend in den Fokus. Was sagen die wissenschaftlichen Erkenntnisse – und was beobachten Sie selbst in Ihrer klinischen Praxis?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Brustkrebs ist nach wie vor eine Erkrankung, die hauptsächlich Frauen über 50 betrifft. In Deutschland erkrankt in dieser Altersgruppe etwa jede fünfte Frau an Brustkrebs. Betrachtet man die weibliche Bevölkerung insgesamt – von jungen Erwachsenen bis hin zu Frauen im hohen Alter –, bleibt auch das lebenslange Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, erheblich.
Es ist jedoch sehr wichtig zu betonen, dass Brustkrebs keinesfalls ausschließlich eine Erkrankung älterer Frauen ist. Er kann auch bei sehr jungen Frauen auftreten. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, wenn eine Frau sagt: „Ich bin zu jung, um Brustkrebs zu haben.“ Dieser Gedanke kann gefährlich werden, wenn eine Frau deshalb eine Veränderung ignoriert, die sie an ihrer Brust festgestellt hat.
Große Fortschritte wurden durch unser zunehmend besseres Verständnis genetischer Risikofaktoren erzielt. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wurden Gene identifiziert, die eine wichtige Rolle bei einem erhöhten Brustkrebsrisiko spielen. Zu den bekanntesten gehören BRCA1 und BRCA2. Durch genetische Untersuchungen können wir heute Frauen identifizieren, die bestimmte genetische Veränderungen tragen, die mit einem erhöhten Risiko verbunden sind. Dadurch behandeln wir nicht erst eine Erkrankung, wenn sie bereits entstanden ist, sondern können bei bestimmten Frauen früher eingreifen und Maßnahmen zur Risikoreduktion und Früherkennung ergreifen.
Für Frauen mit erblich erhöhtem Risiko gibt es spezielle Programme zur intensivierten Früherkennung und Überwachung. In bestimmten Fällen werden auch prophylaktische operative Maßnahmen besprochen. Solche Entscheidungen erfordern eine genetische Beratung, eine individuelle Risikobewertung und die Betreuung in einem spezialisierten Zentrum.
Leider kennen wir bis heute nicht alle Ursachen, die zur Entstehung von Brustkrebs führen. Es gibt jedoch Faktoren, die wir beeinflussen können. Rauchen, Alkoholkonsum und starkes Übergewicht stehen mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Krebsarten in Verbindung, darunter auch Brustkrebs. Für mich persönlich ist es sehr erfreulich zu sehen, wenn Patientinnen solche Empfehlungen annehmen. Einige hören mit dem Rauchen auf, andere reduzieren ihren Alkoholkonsum oder verzichten vollständig darauf, wieder andere versuchen, ihr Körpergewicht zu reduzieren und sich körperlich mehr zu bewegen. Das mag einfach klingen, aber Lebensgewohnheiten zu verändern ist keineswegs leicht. Deshalb sollten wir solche Veränderungen unterstützen und sie nicht als selbstverständlich ansehen.
Der Moment der Diagnose: Eine neue Realität
Mimika Tosiou: Kommen wir zum Moment der Diagnose. Das Wort „Krebs“ löst bei vielen Frauen noch immer existenzielle Angst aus. Wie weit hat sich die Medizin von diesem alten Bild entfernt? Wie grundlegend haben sich die Behandlungsmöglichkeiten verändert – und was bedeutet das heute für das Leben nach der Therapie?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Die Diagnose Brustkrebs ist immer ein Schock. Es ist ein Moment, der die Art und Weise, wie eine Frau sich selbst, ihren Körper und ihre Zukunft sieht, grundlegend verändern kann. Sehr häufig handelt es sich um eine Frau, die bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei besondere Beschwerden hatte. Sie fühlt sich gesund, arbeitet, kümmert sich um ihre Familie, plant ihren Urlaub, ihre Kinder oder andere Ziele in ihrem Leben – und plötzlich erhält sie eine Diagnose, die sie in eine völlig andere Realität versetzt.
Leider ruft das Wort „Krebs“ auch heute noch bei vielen Menschen automatisch Bilder hervor, die aus der Vergangenheit stammen. Krebs wird weiterhin mit einer unheilbaren Erkrankung, starkem körperlichem Verfall und dem Tod verbunden. Die Medizin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch dramatisch weiterentwickelt.
Heute betrachten wir Brustkrebs nicht mehr als eine einzige Erkrankung. Es gibt unterschiedliche Subtypen, unterschiedliche biologische Eigenschaften und entsprechend unterschiedliche therapeutische Ansätze. Dadurch können wir die Behandlung sehr viel gezielter auf die einzelne Patientin abstimmen. Weiterentwickelt haben sich unter anderem die operative Behandlung, die Strahlentherapie, die Hormontherapie, die Chemotherapie, zielgerichtete Therapien und weitere systemische Behandlungsmöglichkeiten. Wir verstehen die Biologie der Tumoren immer besser und können die Therapie zunehmend anhand der individuellen Eigenschaften der Erkrankung jeder einzelnen Frau auswählen.
Doch bei der Behandlung geht es nicht nur um den Tumor.
„Wir behandeln die Frau – nicht nur die Krankheit.“
Deshalb ist auch die psychoonkologische Unterstützung von großer Bedeutung. Die Patientin braucht Raum und Zeit für Gespräche, um zu verstehen, was mit ihr geschieht, ihre Ängste ausdrücken zu können und Wege zu finden, mit der neuen Realität umzugehen.
Sehr häufig reicht es nicht aus, nur die Patientin selbst zu unterstützen. Brustkrebs betrifft die gesamte Familie. Partner, Eltern und Kinder sehen sich plötzlich mit einer Situation konfrontiert, mit der niemand gerechnet hat. Besonders wichtig ist die Art und Weise, wie wir mit Kindern darüber sprechen. Ein Kind kann hören, dass seine Mutter krank ist, und sofort an das schlimmstmögliche Szenario denken. Deshalb braucht es eine altersgerechte Erklärung: dass die Mutter behandelt wird, dass die Ärzte einen Behandlungsplan haben und dass die Möglichkeit besteht, wieder gesund zu werden.
Und genau das möchte ich betonen: Die Diagnose Brustkrebs bedeutet nicht das Ende des Lebens. Brustkrebs ist eine ernsthafte Erkrankung, und die Therapie kann belastend sein. Die heutigen Behandlungsmöglichkeiten ermöglichen es jedoch sehr vielen Frauen, nach Abschluss der Therapie in ein erfülltes Leben mit guter Lebensqualität zurückzukehren.
Kinderwunsch, Schwangerschaft und Erhalt der Fruchtbarkeit
Mimika Tosiou: Manche Frauen erhalten die Diagnose in einer Lebensphase, in der sie noch Mutter werden möchten – oder bereits schwanger sind. Welche Möglichkeiten eröffnet die Medizin heute? Lassen sich eine notwendige Krebstherapie, der Erhalt der Fruchtbarkeit und der Wunsch nach Mutterschaft miteinander vereinbaren?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Diese Frage freut mich besonders, weil sie zeigt, wie sehr sich die Medizin weiterentwickelt hat und wie viel wir heute für Frauen tun können, die vor außerordentlich komplexen Lebensentscheidungen stehen.
Frauen studieren heute häufig länger, gehen später feste Partnerschaften ein und planen ihr erstes Kind in einem höheren Lebensalter. Deshalb begegnen wir zunehmend Frauen, die zum Zeitpunkt ihrer Diagnose ihren Kinderwunsch noch nicht verwirklicht haben. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, den Krebs zu behandeln.
„Unsere Aufgabe ist es auch, an das Leben der Frau nach der Therapie zu denken.“
Wenn eine Frau Kinder haben möchte, sollte dieses Thema – wann immer möglich – vor Beginn der Behandlung besprochen werden. In Zusammenarbeit mit Spezialisten der Reproduktionsmedizin gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Fruchtbarkeit vor einer Therapie zu erhalten.
Wird Brustkrebs während einer Schwangerschaft diagnostiziert, wird die Situation noch komplexer. Eine Schwangerschaft bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Behandlung bis nach der Geburt aufgeschoben werden muss. In bestimmten Fällen ist es möglich, die Mutter bereits während der Schwangerschaft zu behandeln und gleichzeitig die Entwicklung des Kindes sehr engmaschig zu überwachen. Selbst bei aggressiveren Formen von Brustkrebs kann unter bestimmten Voraussetzungen eine Therapie durchgeführt und gleichzeitig die Schwangerschaft bis zur Geburt fortgesetzt werden.
Es gibt außerdem Situationen, in denen bestimmte Bestandteile der onkologischen Behandlung vorübergehend verschoben oder angepasst werden können, damit die Schwangerschaft fortgeführt und das Kind geboren werden kann. Anschließend wird die notwendige Therapie fortgesetzt.
Natürlich gibt es keine Lösung, die für jede Frau gleichermaßen geeignet ist. Jeder Fall muss individuell beurteilt werden – abhängig vom Typ und Stadium des Brustkrebses, den biologischen Eigenschaften des Tumors, der erforderlichen Therapie, dem Stadium der Schwangerschaft und weiteren Faktoren. Dennoch möchte ich Frauen folgende Botschaft mitgeben: Die Diagnose Brustkrebs bedeutet nicht automatisch, dass eine Frau ihren Kinderwunsch aufgeben muss. Gerade der interdisziplinäre Ansatz ermöglicht es uns, die medizinisch notwendige Behandlung so gut wie möglich mit den persönlichen Wünschen einer Frau für ihre Zukunft zu verbinden.
Ein Appell an das Leben
Mimika Tosiou: Hinter jeder Diagnose steht eine Frau – nicht nur eine Patientin. Nach allem, was Sie als Ärztin an der Seite von Frauen mit Brustkrebs erlebt haben: Was sagen Sie der Frau, die aus Angst ihre Untersuchung immer wieder aufschiebt? Und was möchten Sie der Frau sagen, die gerade ihre Diagnose erhalten hat?
Dr. med. Svjetlana Mohrmann: Der Frau, die aus Angst immer wieder eine Untersuchung aufschiebt, würde ich sagen:
„Lassen Sie nicht zu, dass Ihre Angst Sie davon abhält, etwas Gutes für sich selbst zu tun.“
Ich verstehe, dass viele Frauen Angst vor einer Untersuchung haben. Sie fürchten sich vor dem, was der Arzt möglicherweise entdecken könnte. Manchmal erscheint es leichter, etwas nicht zu wissen, als sich mit der Möglichkeit einer Erkrankung auseinanderzusetzen. Doch nicht zu wissen, was im eigenen Körper geschieht, verändert die Realität nicht.
Wenn eine Veränderung vorhanden ist, ist es besser, sie so früh wie möglich abklären zu lassen. Ist sie gutartig, erhält die Frau Gewissheit und kann erleichtert sein. Sind weitere Untersuchungen erforderlich, gibt uns eine frühzeitige Abklärung die Möglichkeit, rechtzeitig zu handeln. Deshalb würde ich jeder Frau sagen: Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst. Sie müssen nicht bis zum nächsten Urlaub oder bis zu einer freien Woche warten. Ihre Gesundheit sollte nicht immer an letzter Stelle auf Ihrer persönlichen Prioritätenliste stehen.
Und der Frau, die gerade die Diagnose Brustkrebs erhalten hat, würde ich etwas anderes sagen:
„Lassen Sie sich nicht von dem Wort ‚Krebs‘ definieren.“
Sie sind nicht einfach nur eine Diagnose. Sie sind eine Frau mit Ihrem eigenen Leben, mit einer Familie, vielleicht mit Kindern, mit Plänen, Wünschen und einer Zukunft. Die Diagnose wird für eine gewisse Zeit einen großen Teil Ihres Lebens bestimmen. Es wird Untersuchungen, Gespräche, Behandlungen und schwierige Tage geben. Vielleicht wird es Momente der Angst und Unsicherheit geben. Aber das ist nicht Ihre ganze Geschichte.
Heute haben wir wesentlich mehr Möglichkeiten als früher. Wir verfügen über Wissen, Erfahrung, unterschiedliche Behandlungsoptionen und ein ganzes Netzwerk von Spezialisten, die Unterstützung bieten können. Besonders wichtig ist mir die Botschaft, dass es ein Leben nach der Behandlung gibt. Frauen kehren zu ihren Familien, an ihren Arbeitsplatz, zu ihren Freundschaften und in ihren Alltag zurück. Die Haare wachsen wieder. Der Körper erholt sich. Die Angst wird mit der Zeit kleiner. Und das Leben findet wieder seinen eigenen Rhythmus.
Deshalb möchte ich zum Abschluss zwei Botschaften vermitteln.
Der Frau, die eine Untersuchung immer wieder aufschiebt:
„Warten Sie nicht. Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Gesundheit.“
Und der Frau, die gerade ihre Diagnose erhalten hat:
„Verlieren Sie nicht die Hoffnung. Brustkrebs ist eine ernsthafte Erkrankung, aber die Diagnose ist nicht das Ende Ihrer Lebensgeschichte.“
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die wir Frauen heute mitgeben können: Kümmern Sie sich um Ihren Körper, bevor er Sie dazu zwingt, innezuhalten. Und wenn trotz allem eine Erkrankung auftritt, vergessen Sie nicht: Hinter der Diagnose gibt es weiterhin ein Leben.
Über die Expertin:
Dr. med. Svjetlana Mohrmann ist Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Koordinatorin des Brustzentrums am Universitätsklinikum Düsseldorf.



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